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IBM- und Universitätsforschende erschaffen ein bisher unbekanntes Molekül und weisen seine Besonderheiten mit Quantencomputing nach

YORKTOWN HEIGHTS, New York – 5. März 2026 – Ein internationales Team, das aus Wissenschaftler_innen von IBM, der Universität Manchester, der Universität Oxford, der ETH Zürich, der EPFL und der Universität Regensburg besteht, hat ein Molekül erschaffen und charakterisiert, das sich von allen bisher bekannten unterscheidet: die Elektronen bewegen sich durch seine Struktur in einem korkenzieherähnlichen Muster, so dass es dadurch sein chemisches Verhalten grundlegend verändern kann. Wie heute in „Science“ veröffentlicht, handelt es sich dabei um die erste experimentelle Beobachtung einer elektronischen Halb-Möbius-Topologie in einem einzelnen Molekül.
Nach Ermessen der Wissenschaftler_innen wurde ein Molekül mit einer derartigen Topologie noch nie zuvor synthetisiert, beobachtet oder gar formal prognostiziert. Um das Verhalten dieses Moleküls auf der Ebene der elektronischen Struktur verstehen zu können, war etwas ebenso Fundamentales erforderlich: Eine hochpräzise Quantencomputing-Simulation.
Diese Entdeckung bringt die Wissenschaft in zweierlei Hinsicht voran: Im Bereich der Chemie führt sie vor Augen, dass die elekronische Topologie, d. h. die Eigenschaft, die bestimmt, wie sich Elektronen durch ein Molekül bewegen, nicht nur in der Natur gefunden werden kann, sondern gezielt gesteuert werden kann. Im Bereich Quantencomputing bedeutet es eine konkrete Demonstration einer Quantensimulation, die das ausführt, wofür sie entwickelt wurde: eine direkte Darstellung des quantenmechanischen Verhaltens auf molekularer Ebene, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu liefern, die sonst unerreichbar geblieben wären.
„Zuerst haben wir ein Molekül konzipiert, von dem wir annahmen, dass es hergestellt werden könnte. Dann haben wir es erschaffen und anschließend seine Besonderheiten mit einem Quantencomputer validiert“, so Alessandro Curioni, IBM Fellow, Vice President, Europe and Africa, and Director of IBM Research Zurich. „Dies ist ein großer Schritt zur Umsetzung des Traums, den der renommierte Physiker Richard Feynman schon vor Jahrzehnten formulierte: einen Computer zu bauen, der die Quantenphysik bestmöglich simulieren kann, und ein Beleg für, wie er sagte: ‚There’s plenty of room at the bottom’. Der Erfolg dieser Forschung stellt einen Schritt in Richtung dieser Vision dar und eröffnet neue Möglichkeiten zur Erforschung unserer Welt und der in ihr enthaltenen Materie.“
Ein niemals zuvor gesehenes Molekül
Das Molekül mit der Formel C₁₃Cl₂ wurde bei IBM Atom für Atom aus einem an der Universität Oxford speziell dafür synthetisierten Vorprodukt aufgebaut. Dabei wurden einzelne Atome nacheinander unter Verwendung präzise kalibrierter Spannungspulse unter Ultrahochvakuum bei Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt entfernt.
Experimente mit Rastertunnelmikroskopie und Rasterkraftmikroskopie, beides Techniken, die bei IBM entwickelt wurden, enthüllten in Kombination mit Quantencomputern eine elektronische Konfiguration, die in der Chemie bislang unbekannt war: eine elektronische Struktur, die sich mit jedem Umlauf um 90 Grad dreht und vier vollständige Umläufe benötigt, um zur Ausgangsphase zurückzukehren.
Diese elektronische Halb-Möbius-Topologie unterscheidet sich qualitativ von allen bisher bekannten Molekülen und kann reversibel zwischen im Uhrzeigersinn gedrehten, gegen den Uhrzeigersinn gedrehten und in unverdrehten Zuständen umgeschaltet werden – seinerseits ein Beweis dafür, dass elektronische Topologie keine Eigenschaft ist, die es zu entdecken gilt, sondern vielmehr eine, die jetzt unter bestimmten Bedingungen gezielt erzeugt werden kann.
Bahnbrechendes wissenschaftliches Tool: Quantenzentriertes Supercomputing
Die Wissenschaftler_innen haben im Rahmen dieses Experiments ein Molekül erschaffen, das es zuvor noch nie gegeben hatte. Nun mussten sie herausfinden, warum es funktionierte – eine Aufgabe, die konventionelle Computer vor große Herausforderungen stellte. Die Elektronen in C₁₃Cl₂ interagieren auf stark verschränkte Weise – jedes Elektron beeinflusst gleichzeitig alle anderen. Die Modellierung dieses Verhaltens erfordert die simultane Aufzeichnung aller möglichen Konfigurationen dieser Interaktionen, was einen exponentiell wachsenden Rechenaufwand zur Folge hat, der klassische Maschinen rasch überfordern kann.
Quantencomputer sind von Natur aus anders, da sie nach denselben quantenmechanischen Gesetzen funktionieren, die auch für Elektronen in Molekülen gelten – und sie können diese Systeme direkt darstellen, anstatt sie nur näherungsweise zu berechnen. Sie „sprechen“ dieselbe grundlegende Sprache wie die Materie, zu deren Untersuchung sie entwickelt wurden. Dieser Unterschied, der in der Vergangenheit weitgehend theoretischer Natur war, kann nun zu konkreten wissenschaftlichen Ergebnissen beitragen.
Diese Fähigkeit bietet enormes Potenzial für Quantencomputer, um reale Experimente mit quantenzentrierten Supercomputing-Workflows zu unterstützen. Durch die Integration von Quantenprozessoren (QPUs), CPUs und GPUs ermöglicht quantenzentriertes Supercomputing, komplexe Probleme in Teile zu zerlegen, die nach den Stärken jedes Systems orchestriert und gelöst werden – was kein einzelnes Rechenparadigma allein leisten kann.
In einem solchen Workflow fand das Team mit Hilfe eines IBM Quantencomputers spiralförmige Molekülorbitale für die Elektronenanlagerung, ein Fingerabdruck der elektronischen Halb-Möbius-Topologie. Darüber hinaus hat die Simulation mittels Quantencomputing dabei geholfen, den Mechanismus hinter der Entstehung der ungewöhnlichen Topologie offenzulegen: einen helikalen Pseudo-Jahn-Teller-Effekt.
Diese Errungenschaft baut auf der langjährigen Tradition von IBM in der Nanowissenschaft auf. Das Rastertunnelmikroskop (STM) wurde 1981 bei IBM erfunden, wofür die IBM-Wissenschaftler Gerd Binnig und Heinrich Rohrer 1986 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden. Diese Erfindung ermöglichte es Forschern, Oberflächen Atom für Atom abzubilden. Im Jahr 1989 entwickelten Wissenschaftler von IBM die erste verlässliche Methode zur Manipulation einzelner Atome. In den vergangenen Jahrzehnten hat das Team von IBM diese Techniken ausgebaut, um zunehmend ungewöhnlichere molekulare Strukturen zu erstellen und zu kontrollieren.
ZITATE VON FORSCHERN
Dr. Igor Rončević (Dozent für Computer- und Theoretische Chemie an der Universität Manchester, Mitautor der Veröffentlichung)
„Chemie und Festkörperphysik entwickeln sich durch die Erkundung neuer Methoden zur Steuerung von Materie weiter. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren Substituenteneffekte sehr populär. So untersuchten Forscher beispielsweise, wie sich die Wirksamkeit eines Medikaments oder die Elastizität eines Materials verändert, wenn man zum Beispiel eine Methylgruppe durch Chlor ersetzt. Mit der Jahrhundertwende hielt die Spintronik Einzug und führte den Elektronenspin als neuen Freiheitsgrad ein, der die Datenspeicherung revolutionierte. Heutzutage zeigt unsere Arbeit auf, dass auch die Topologie als schaltbarer Freiheitsgrad dienen kann und damit einen neuen, machtvollen Weg zur Steuerung von Materialeigenschaften eröffnet.“
„Die alles andere als triviale Topologie dieses Moleküls und das ungewöhnliche Verhalten vieler anderer Systeme entstehen durch Wechselwirkungen zwischen ihren Elektronen. Die Simulation von Elektronen mit klassischen Computern ist hochgradig komplex – vor einem Jahrzehnt konnte man genau 16 Elektronen modellieren, heute sind es bis zu 18. Quantencomputer eignen sich von Natur aus gut für dieses Problem, da ihre Bausteine – Qubits – Quantenobjekte sind, die Elektronen widerspiegeln. Mit dem Quantencomputer von IBM konnten wir 32 Elektronen sondieren. Das Spannendste daran ist jedoch, dass wir uns noch ganz am Anfang befinden. Quantenhardware entwickelt sich rasant weiter und die Zukunft gehört Quantum.“
Dr. Harry Anderson, Mitautor des Artikels, Professor für Chemie an der Universität Oxford:
"Es ist bemerkenswert, dass die Lewis-Struktur von C₁₃Cl₂ bereits darauf hindeutet, dass es chiral ist, wie durch das Experiment und die quantenchemischen Berechnungen bestätigt wurde. Es ist auch erstaunlich, dass die Enantiomere durch das Anlegen von Spannungsimpulsen von der Sondenspitze umgewandelt werden können."
Dr. Jascha Repp, Mitautor des Artikels, Professor für Physik an der Universität Regensburg:
"Ich freue mich sehr, Teil eines Projekts zu sein, bei dem Quantenhardware echte Wissenschaft betreibt, nicht nur Demos. Es ist faszinierend, dass ein winziges Molekül eine so komplexe elektronische Struktur haben kann, die klassisch schwer zu simulieren ist und so gewunden und verknotet, dass sich die Gehirnwindungen fast verknoten."
Mehr Informationen zum Thema finden Sie im Blogbeitrag: Quantum simulates properties of the first-ever half-Möbius molecule, designed by IBM and researchers.
Abbildung: Dyson orbital for electron attachment, calculated using quantum hardware. Credit: IBM and the University of Manchester
Über IBM
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